• Weihnachtsgeschichte…

    Weihnachtsgeschichte…

    Es ist Winter. Gemächlich räkelt er sich vor dem Kamin, lässt sich heisse Schokolade und Plätzchen schmecken und streichelt sich seinen grösser werdenden Bauch. Die hin und wieder an seine Türe klopfende Motivation lässt er mit einem Hinweis auf die kalten Temperaturen und den Schneeregen schnell abblitzen. Ja, der Winter ist wahrlich die beste Zeit für den Schweinehund. Selten ist es so leicht, den eigenen Körper vom Sport abzuhalten. Er ist nicht sonderlich beliebt, aber das kümmert ihn schon lange nicht mehr. Er will nur eines: Faulenzen! Am liebsten den ganzen Tag.

    Am dritten Advent sitzt er wie gewohnt in seinem grossen, gemütlichen Sessel, als er plötzlich ein Lachen hört. Genau genommen sind es sogar mehrere Stimmen die Lachen. Schwerfällig hievt er seinen Körper empor und schlurft zum Fenster. Draussen sieht er die Motivation, das Runner’s High und einige weitere Körperfunktionen, wie sie durch den kalten Regen von Haus zu Haus joggen und andere Sportler zum Mitmachen bewegen. Sie nähern sich auch seiner Tür, bleiben aber kurz davor stehen.

    Er drückt sein Ohr an die Scheibe und lauscht. „Warte, ich glaube hier wohnt der Schweinehund“ sagt die eine. Ja, stimmt. Den alten Griesgram lassen wir am besten in Ruhe. Die Gruppe macht kehrt und joggt fröhlich lachend weiter. Sollen sie doch, er hat ja seinen warmen Sessel und seine Kekse. Er lässt sich zurück in seine komfortable Sitzunterlage plumpsen und döst nach wenigen Minuten ein.

    Was war…

    Ein leises Knacken lässt ihn aufschrecken. Er dreht seinen Kopf um etwas zu sehen, aber die breite Rückenlehne versperrt ihm das Gesicht. Es sind leise Schritte zu hören und ehe er sich versieht, steht eine leicht verpickelte, etwas moppelige Gestalt vor ihm. Ich bin der Geist der vergangenen Saison. Komm mit mir. Ich zeige dir, was war. Unvermittelt nimmt sie seine Hand und plötzlich steht er mitten in einem abgedunkelten Zimmer.

    Das war, bevor es dich gab, spricht der Geist. Der Körper in dem du gewohnt hast, brauchte keinen wie dich, weil er dem Sport nicht viel abgewinnen konnte. Er brauchte niemanden, der ihn davon abhielt hinauszugehen, weil er es sowieso kaum tat. Der Schweinehund betrachtet die kümmerliche Gestalt, die eingesackt vor dem Computer sitzt und mit der Maus herumklickt. Er kann es gar nicht so recht glauben, kann sich aber an diese Zeit absolut nicht erinnern. Heisst das, wenn er keinen Sport macht, gibt es mich nicht? Mit einem Nicken verschwindet der Geist der vergangenen Saison und lässt den Schweinehund ratlos zurück.

    Was ist…

    Wenige Minuten später hört er erneut Schritte hinter sich. Er dreht sich um und sieht ein leicht transparentes Abbild seiner selbst auf sich zukommen. Ich bin der Geist der aktuellen Saison. Der Geist greift seine Hand und beide finden sich ausserhalb des leicht verkommenen Grundstücks des Schweinehundes wieder. „Was machen wir hier“, fragt er. „Warte ab“ sagt der Geist. Plötzlich hört er von weitem das gleiche Lachen wie schon vor einigen Stunden. Kurz darauf kommt die Gruppe um die Ecke, die er gesehen hatte. Die Szene spielt sich ab wie schon zuvor. Die Läufer entfernen sich vom Haus und laufen weiter. Diesmal hört er jedoch, worüber sie sich weiter unterhalten. „Schade eigentlich, dem Schweinehund würde etwas Bewegung sicher gut tun“ sagt die Motivation. „Ja, ich fände es auch schön, wenn er mitkommen würde.“ Sie verschwinden in der Dunkelheit und er blickt ihnen traurig hinterher. „Hm, ich wusste nicht, dass sie sich so über meine Anwesenheit freuen würde.“ Traurig blickt er den anderen Körperfunktionen hinterher, während sein geisterhaftes Ich entschwindet und ihn erneut zurücklässt.

    … und was sein wird.

    Wieder dauert es einige Zeit, bis eine weitere Gestalt auftaucht. In eine dunkle Robe gehüllt tritt sie an den Schweinehund heran. „Ich bin der Geist der zukünftigen Saison“. Diesmal reicht er ihm schon die Hand und einen kurzen Augenblick später, stehen sie wieder im Wohnzimmer des Schweinehunds. Allerdings ist es dunkel und kalt. Kein Zeichen von Leben. Der Schweinehund blickt den Geist sorgenvoll an. „Du wirst nicht mehr gebraucht“ sagt der Geist. „Der Körper in dem du gewohnt hast, hat wieder mit Sport aufgehört, weil er sich nicht mehr aufraffen konnte.“ Der Schweinehund schüttelt den Kopf. „Das ist die Zukunft?“ „Eine mögliche Zukunft“, sagt der Geist und verschwindet. Der Schweinehund steht dort und betrachtet die Szenerie. Mit leeren Augen setzt er sich auf den kalten Sessel und starrt in den nicht angefeuerten Kamin, bis er schliesslich einschläft.

    Als er die Augen öffnet, ist alles wie immer. Beim Blick auf den Kalender bemerkt er, dass immer noch der dritte Advent ist. Die Schüssel Kekse steht unberührt vor dem Kamin und die heisse Schokolade dampft auf dem Beistelltisch. Draussen hört er das schon fast vertraut klingende Gelächter. Er springt aus dem Sessel auf und kramt in seinem Schrank. Ganz unten findet er eine verstaubte Kiste mit der Aufschrift „Trainingsbekleidung“. Er pustet kräftig und Staub erfüllt den Raum. Keine Minute später hat er sich sein Outfit angezogen und steht hinter seiner Haustür. Er atmet tief durch und öffnet die Pforte in die nasskalte Nacht. Die Motivation und das Runner’s High drehen sich schon wieder um, als er ihnen hinterher ruft: „Wartet, ich komme mit“. Etwas überrascht begrüssen die Beiden den Schweinehund freundlich und alle machen sich gemeinsam auf den Weg. „Aber gewöhnt euch nicht zu sehr daran“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.

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